ADHS-Experte: PhD Russel A. Barkley https://adhs-deutschland.de/pdf/1_1_aktuelle_infos/Barkley-long-term-health.pdf
Frage: Was sind die langfristigen gesundheitlichen Folgen von ADHS?
Antwort:
ADHS wirkt sich nachteilig auf zahlreiche Bereiche der Gesundheit und des Wohlbefindens aus, sorgt
für eine höhere Sterblichkeit im Kindesalter und in der ersten Lebenshälfte und verringert die
voraussichtliche Lebenserwartung im späteren Leben. Diese Risiken können wahrscheinlich durch
frühzeitige und nachhaltige Interventionen zur Therapie von ADHS, einschließlich medikamentöser und
evidenzbasierter psychosozialer Behandlungen, reduziert oder abgemildert werden.
Vor mehr als 50 Jahren begann man, ADHS (damals Hyperaktives-Kind-Syndrom oder Hyperkinesis
genannt) in Studien zu untersuchen.
Die Studien ergaben, dass Kinder und Jugendliche mit ADHS ein deutlich erhöhtes Risiko für alle Arten
von Unfallverletzungen haben, darunter Verbrennungen, Vergiftungen, Zahnverletzungen,
Schnittwunden, Knochenbrüche und Schädel-Hirn-Trauma, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus
ist ADHS mit vermehrt negativen Folgen in fast allen bislang untersuchten wichtigen Bereichen der
Lebensaktivitäten verbunden, egal ob dies nun bei Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen auftritt.
Viele dieser Bereiche haben einen direkten oder indirekten Einfluss auf die Gesundheit, wie z.B. das
Risiko für erhöhte reaktive Aggression, Kriminalität und Drogenkonsum, schlechte Ernährung, sitzende
Lebensweise, persönlichen Stress und Gewalt in der Partnerschaft. Ein problematisches Verhalten im
Straßenverkehr einschließlich einer höheren Anzahl von Verkehrsunfällen ist ebenso mit ADHS
assoziiert wie ein erhöhtes Risiko für Selbstmordgedanken, Suizidversuche und tatsächlichen Suizid. Zu
den in jüngerer Zeit untersuchten Bereichen gehören auch die direkten negativen gesundheitlichen
Folgen, die damit verbunden sind, dass man mit der Problematik ADHS aufwächst. Dazu gehören ein
erhöhtes Risiko für epileptische Anfälle, Fettleibigkeit, Essstörungen, Tabak-, Alkohol- und
Marihuanakonsum, Zahnkaries, Zahnbelag sowie Zahnfleischverletzungen, Schlafprobleme, Migräne
und das Risiko für spätere Herzkranzgefäßerkrankungen. Die Störung ist auch mit einer geringeren
Bereitschaft zur Umsetzung präventiver Gesundheits-, Ernährungs- und Zahnhygieneaktivitäten
verbunden.
All diese Erkenntnisse lassen auf ein erhöhtes Risiko für eine größere Morbidität (Verletzungen und
Krankheiten) und wahrscheinlich eine frühere Mortalität schließen. Daher sollte es nicht überraschen,
dass Studien der letzten 20 Jahre gezeigt haben, dass Kinder mit ADHS bis zum Alter von 10 Jahren
ein fast doppelt so hohes Sterberisiko haben wie Kinder ohne ADHS - und dies hauptsächlich aufgrund
von Unfallverletzungen. Dieses Risiko verdoppelt sich noch einmal im Erwachsenenalter. Hier ergaben
mehrere Studien, dass Erwachsene mit ADHS in der Mitte ihres Lebens ein 4-5-fach höheres
Mortalitätsrisiko haben als andere nicht betroffene Erwachsene. Diese frühe Sterblichkeit ergibt sich
oft in erster Linie aufgrund von Unfallverletzungen, aber auch aufgrund von Selbstmord und Tötungs-
delikten. Viele der oben genannten Gesundheitsprobleme sind bekannt als Ursache einer verminderten
Lebenserwartung und werden den Algorithmen zugrunde gelegt, die in der Erforschung der
Bevölkerungsgesundheit und in der Lebensversicherungsindustrie zur Vorhersage der Lebenserwartung
verwendet werden.Vermindert eine unbehandelte ADHS die geschätzte Gesamtlebenserwartung?
Eine aktuelle Studie von Dr. Mariellen Fischer und mir war die erste, die sich mit dieser Frage
beschäftigt hat. Sie ergab eine auffällige Verringerung der geschätzten Lebenserwartung im
Zusammenhang mit der Störung bis hinein ins junge Erwachsenenalter. In der Studie wurde berichtet,
dass Patienten, die in der Kindheit ein Hyperaktives-Kind-Syndrom oder eine ADHS der kombinierten
Ausprägung aufwiesen, bis zum jungen Erwachsenenalter eine um 9,6 Jahre geringere geschätzte
gesunde Lebenserwartung in den verbleibenden Jahren, eine um 1,2 Jahre höhere ungesunde
Lebenserwartung in den verbleibenden Jahren und eine insgesamt um 8,4 Jahre geringere
Gesamtlebenserwartung aufwiesen als Kinder aus der Kontrollgruppe. Darüber hinaus war das
Fortbestehen der ADHS bis in das Erwachsenenalter hinein mit einer noch stärkeren Auswirkung auf
diese geschätzte Lebenserwartung verbunden, nämlich mit einer um 12,7 Jahre verminderten gesunden
Lebenserwartung und einer um 11,1 Jahre verminderten geschätzten Gesamtlebenserwartung als bei den
Fällen aus der Kontrollgruppe. Persistierende Fälle hatten eine um 5,3 Jahre reduzierte gesunde
Lebenserwartung und eine um 4,6 Jahre reduzierte geschätzte Gesamtlebenserwartung als nicht
persistierende Fälle des kombinierten Erscheinungsbilds der ADHS. Und sowohl persistierende als
auch nicht persistierende ADHS-Fälle hatten eine signifikant niedrigere geschätzte
Lebenserwartung im Erwachsenenalter als die Personen in der Kontrollgruppe.
Das Ausmaß dieser verminderten Lebenserwartung ist sowohl eindrücklich als auch ernüchternd, wenn
man bedenkt, dass die verminderte Lebenserwartung in diesem Fall weitaus erheblicher ist als die, die
sich aus den Risikofaktoren Rauchen, Fettleibigkeit, Alkoholkonsum, hohem Cholesterinspiegel und
Bluthochdruck (entweder einzeln oder in Kombination) ergeben! Und warum? Weil ADHS für
Betroffene die Prädisposition für alle diese sowie weitere schlechte Lebensgewohnheiten ist.
So fanden wir beispielsweise in unserer Studie heraus, dass die Störung die geschätzte Lebenserwartung
durch ihre Verbindung mit acht der 14 Variablen, die in die Berechnungen der geschätzten
Lebenserwartung einflossen, reduzierte. Dies umfasst demographische Faktoren wie geringere Bildung,
fehlende höhere Schulabschlüsse und entsprechend geringere Einkommenniveaus in den Gruppen der
ADHS-Fälle mit kombinierter Ausprägung. Hinzu kommt, dass hier im Bereich Gesundheit und
Lebensweise vermehrt Risikofaktoren wie Alkoholkonsum, ein schlechterer Gesundheitszustand,
Schlafprobleme und eine höhere Anfälligkeit für Nikotinsucht (20 oder mehr Zigaretten pro Tag) oder
auch ein problematisches Verhalten beim Autofahren (mit dadurch bedingten zeitweisem oder
dauerhaftem Führerscheinentzug) vorliegen. Es ist vor allem das Hintergrundmerkmal der
Verhaltensenthemmung, das bei Menschen mit ADHS dazu führt, dass sie ungesünder leben,
gesundheitsförderliche Praktiken eher nicht umsetzen und sich so gegebenenfalls gesundheitlichen
Schaden zufügen.
Kürzlich zeigte eine groß angelegte Studie, bei der das menschliche Genom von Tausenden von ADHS-
Patienten sowie von nicht betroffenen Personen gescannt wurde, dass es einen genetischen
Zusammenhang zwischen ADHS und bestimmten gesundheitsbezogenen Folgen gibt. Dazu gehörten
ein niedrigerer Bildungsabschluss, Fettleibigkeit, Diabetes, Rauchen, Schlafprobleme, LDL-
Cholesterin, frühe Elternschaft, das Risiko, an rheumatoider Arthritis zu erkranken, frühere Menopause
usw. All dies untermauert die Schlussfolgerung, dass ADHS und die damit verbundene Neigung
einer verminderten Verhaltenskontrolle und geringer Gewissenhaftigkeit wichtige genetische
Hintergrundfaktoren oder Sekundärfaktoren sind, welche eng mit den Primärfaktoren zusammenhängen,die sich aus den Entscheidungen hinsichtlich Gesundheit und Lebensweise ergeben und entsprechend
die Lebenserwartung von Menschen mit ADHS verkürzen.
Aufgrund dieser Erkenntnisse sollte man Menschen mit ADHS und ihre Familien vermehrt über diese
Risiken aufklären, um so die Primärfaktoren zu reduzieren, die eine verkürzte Lebenserwartung
bewirken, wie z.B. Fettleibigkeit, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, schlechte
Ernährungsgewohnheiten, zu wenig Schlaf und Bewegung usw.
Die geschätzte Lebenserwartung ist tatsächlich beeinflussbar - durch Veränderung der ungünstigen
Angewohnheiten in punkto Gesundheit und Lebensweise. So lässt sich auch die Lebensqualität und die
Lebenserwartung verbessern. Ebenfalls notwendig und wirksam ist die Einnahme von ADHS-
Medikamenten in Kombination mit der Durchführung evidenzbasierter psychosozialer Therapien zur
Beeinflussung der Hintergrundmerkmale, aufgrund derer Personen mit ADHS dazu neigen, sich
gesundheitsschädigend zu verhalten.
Neuere, groß angelegte Studien zeigen, dass ADHS-Medikamente viele der oben genannten
Gesundheits- und Lebensstilrisiken reduzieren - so auch die Risiken für Unfallverletzungen,
Sterblichkeit, Risiken beim Autofahren, antisoziale Aktivitäten und Drogenkonsum, um nur einige zu
nennen. Diese Ergebnisse sprechen auch dafür, Hausärzte für den Zusammenhang zwischen ADHS und
geringerer Lebenserwartung zu sensibilisieren, da sie am ehesten versuchen werden, die negativen
Auswirkungen auf die Gesundheit und den Lebensstil der Betroffenen zu verbessern.
Dabei berücksichtigen sie bislang jedoch nicht, dass ADHS eine wichtige Rolle bei den Defiziten ihrer
Patienten spielen könnte.
Über den Autor:
Dr. Barkley ist klinischer Professor für Psychiatrie am Virginia Commonwealth University Medical
Center in Richmond, Virginia, USA. Er hat mehr als 27 Bücher, Beurteilungsskalen und klinische
Handbücher sowie mehr als 300 wissenschaftliche Arbeiten und Buchkapitel über ADHS veröffentlicht
und mehr als 800 Vorträge als Gastredner in mehr als 30 Ländern gehalten. Seine neuesten Bücher sind
"Taking Charge of ADHD: The Complete, Authoritative Guide for Parents (4th ed., June 2020, Guilford
press) and The 12 Principles for Raising and Child with ADHD (October 2020, Guilford Press). Seine
Webseite finden Sie unter https://www.RussellBarkley.org.Ergänzende wissenschaftliche Artikel:
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